Letztens habe ich die Netflix-Serie Wednesday gesehen. Und in einer Episode ging es um Hexen und um Hexerei. Ich habe mich dann an mein Studium der Amerikanischen Kulturgeschichte erinnert. An die Hexenprozesse von Salem, die Salem Witch Trials. Es ist ein Kapitel der Geschichte, das man heute kaum glauben mag, oder? Also habe ich mal nachgeschaut, wie das eigentlich in Deutschland mit den Hexen war.
Wenn wir heute an Hexen denken, sehen wir oft Märchenfiguren mit spitzen Hüten und Besen. Kinder verkleiden sich an Halloween oder Fasching gerne als Hexen. Und bei Zauberern denken wir an Harry Potter. Also alles positiv, oder? Doch in der Vergangenheit war das Thema sehr ernst und oft sehr grausam. Besonders zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert hatten viele Menschen in Deutschland große Angst vor Hexen.
Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit glaubten viele Menschen an Magie, Dämonen und den Teufel. Krankheiten, schlechte Ernten oder Naturkatastrophen konnte man sich oft nicht erklären. Deshalb suchte man nach Schuldigen. Hexen galten als Menschen, die mit dem Teufel zusammenarbeiteten und anderen Schaden zufügten. Dieser Glaube war in vielen Teilen Europas verbreitet, aber im Gebiet des heutigen Deutschlands gab es besonders viele Hexenverfolgungen.
Die Vorstellung davon, wer eine Hexe war, entstand nicht aus echten Beweisen, sondern aus Angst, Glauben und Vorurteilen. Es gab keine klare oder sichere Methode, um eine Hexe zu erkennen. Trotzdem glaubten viele Menschen, dass man bestimmte Zeichen sehen könne.
Oft begann alles mit einem Unglück. Wenn eine Kuh starb, ein Kind krank wurde oder die Ernte schlecht war, suchte man einen Schuldigen. Häufig fiel der Verdacht auf Menschen, die anders waren oder am Rand der Gesellschaft lebten. Das konnten arme Menschen sein, Bettlerinnen, alte Frauen oder Personen, die Streit mit Nachbarn hatten. Auch wer als unfreundlich oder schwierig galt, konnte schnell verdächtigt werden.
Ein weiteres wichtiges Element waren Gerüchte. Wenn jemand sagte: „Diese Frau hat mich verflucht“, konnte das ausreichen, um eine Untersuchung zu starten. Gerüchte verbreiteten sich schnell, besonders in kleinen Dörfern. Angst und Misstrauen verstärkten sich gegenseitig. Manchmal beschuldigten Menschen andere auch aus Rache oder Neid.
Richter und Geistliche glaubten an bestimmte Zeichen von Hexerei. Man suchte zum Beispiel nach dem sogenannten Hexenmal. Das sollte eine Stelle auf der Haut sein, die angeblich vom Teufel stammte. Muttermale, Narben oder Warzen galten als verdächtig. Man stach mit Nadeln hinein. Wenn die Person keinen Schmerz zeigte oder nicht blutete, galt das als Beweis, dass sie eine Hexe ist, obwohl das medizinisch natürlich gar keinen Sinn hatte.
Auch das Verhalten spielte eine Rolle. Wer sich nicht richtig verteidigen konnte, sehr ängstlich war oder sich aus Nervosität widersprach, wurde schnell verdächtigt. Unter Folter gestanden viele Menschen, eine Hexe zu sein. Sie nannten dann oft weitere Namen, weil man ihnen versprach, die Schmerzen zu beenden. So entstanden lange Ketten von neuen Anschuldigungen.
Träume, Visionen oder Aussagen von Kindern wurden ebenfalls ernst genommen. Kinder sagten manchmal, sie hätten gesehen, wie jemand nachts flog oder sich in ein Tier verwandelte. Solche Aussagen galten damals als glaubwürdig. Heute wissen wir, dass Kinder leicht beeinflusst werden können und eine lebendige Fantasie haben.
Zusammengefasst kann man sagen: Man kam nicht durch Wissen oder Beweise darauf, wer eine Hexe war. Es waren Zufall, Angst, soziale Konflikte und falsche Vorstellungen. Fast jeder konnte beschuldigt werden, wenn die Umstände schlecht waren. Und so kam es dann zu den sogenannten Hexenprozessen.
Die meisten Hexenprozesse fanden zwischen etwa 1550 und 1650 statt. Historiker schätzen, dass in Europa rund 40.000 bis 60.000 Menschen wegen Hexerei hingerichtet wurden. Ein großer Teil davon lebte im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, also in Gebieten des heutigen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. Deutschland war damals kein einheitlicher Staat, sondern bestand aus vielen kleinen Fürstentümern, Städten und kirchlichen Gebieten. Jedes Gebiet hatte eigene Gesetze und Gerichte. Das machte Hexenprozesse leichter, weil es keine zentrale Kontrolle gab.
Die Angeklagten waren meistens Frauen. Etwa drei Viertel der Opfer waren weiblich. Oft waren es ältere Frauen, arme Frauen oder Frauen, die allein lebten. Aber auch Männer und sogar Kinder wurden beschuldigt. Die Vorwürfe reichten von Schadenzauber über das Vergiften von Brunnen bis hin zu Treffen mit dem Teufel. Viele Geständnisse kamen durch Folter zustande. Die Menschen sagten dann alles, was die Richter hören wollten, nur um die Schmerzen zu beenden.
Eine wichtige Rolle spielte das Buch „Der Hexenhammer“, auf Latein „Malleus Maleficarum“. Es erschien 1487 und wurde von zwei Dominikanermönchen geschrieben. Das Buch erklärte, wie man Hexen erkennt, verhört und bestraft. Es war kein Gesetz, hatte aber großen Einfluss auf Richter und Geistliche. Besonders betont wurde darin, dass Frauen angeblich leichter vom Teufel verführt werden. Diese Idee verstärkte die Verfolgung von Frauen.
Bekannte Orte der Hexenverfolgung in Deutschland sind zum Beispiel Bamberg und Würzburg. In Bamberg wurden zwischen 1626 und 1631 etwa 1.000 Menschen hingerichtet. Dort ließ der Fürstbischof sogar ein eigenes Gefängnis für angebliche Hexen bauen. Auch in Würzburg starben mehrere Hundert Menschen. Unter den Opfern waren angesehene Bürger, Geistliche und Kinder. Das zeigt, dass niemand wirklich sicher war, wenn die Verfolgung einmal begonnen hatte.
Mit der Zeit wuchs jedoch auch Kritik an den Hexenprozessen. Einige Gelehrte und Juristen zweifelten an den Beweisen und an der Anwendung von Folter. Einer der bekanntesten Kritiker war der Jesuit Friedrich Spee. Er hatte als Beichtvater mit Angeklagten zu tun und erkannte, wie ungerecht die Verfahren waren. 1631 veröffentlichte er ein Buch, in dem er die Hexenprozesse scharf kritisierte. Seine Argumente trugen dazu bei, dass die Verfolgungen langsam weniger wurden.
Im 18. Jahrhundert endeten die Hexenprozesse in Deutschland. Die letzte bekannte Hinrichtung wegen Hexerei fand 1775 in Kempten im Allgäu statt. Die Aufklärung spielte dabei eine wichtige Rolle. Die Menschen begannen, mehr an Wissenschaft und Vernunft zu glauben. Gerichte verlangten bessere Beweise, und Folter wurde nach und nach verboten.
Heute erinnern Museen, Gedenktafeln und Ausstellungen an die Opfer der Hexenverfolgung. In vielen Städten wird über diese Geschichte offen gesprochen. Ich habe natürlich gleich nachgesehen, wie es in München ist. Auch hier gab es eine regelrechte Hexenjagd. Allein in München wurden an der Stelle des heutigen Busbahnhofs an der Hackerbrücke an die 200 Frauen und Mädchen bei lebendigem Leibe verbrannt. Alles im Namen Gottes.
Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg316kurz.pdf